Die eine Deutsche, 58 Jahre alt, Doktor der Physik und derzeit
Bundeskanzlerin, die andere Französin, 56 Jahre alt, Juristin und derzeit geschäftsführende
Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Gemeinsam
ist ihnen nicht nur ungefähr das Alter, sondern vor allem wohl die Art, die
Dinge zu sehen. Nämlich in einer Weise, die sich noch am besten mit dem
Englischen ‚perception is reality‘ umschreiben lässt. Dass die Wahrnehmung des
Einzelnen mit der Wirklichkeit, in der die Anderen leben, nichts zu tun haben
muss, wird an zwei Beispielen
deutlich:
Auf einer Konferenz in der lettischen Hauptstadt Riga verkündete
Frau Lagarde vor etwa einem halben Jahr: “We are here to celebrate your
achievements” und der IWF zusammen mit der EU sei “proud to have been part of
Latvia’s success story“. Was war geschehen?
In Lettland folgte nach kreditfinanzierten Boomjahren im
Zuge der Finanzkrise ein in Europa einmaliger Absturz. In den Jahren 2008 und
2009 brach die lettische Volkswirtschaft um mehr als ein Fünftel ein. Um die
Kreditklemme abzuwenden, bat die Regierung in Riga das Ausland um Hilfe. Für
Kredite über 7,5 Milliarden Euro drängten die EU und der Internationale
Währungsfonds (IWF) Lettland zu den üblichen harten Anpassungsmaßnahmen und
fanden im lettischen Ministerpräsident Vladis Dombrovskis einen ausgesprochenen
Vertreter der sogenannten “Schock-Therapie”: Er strich in bisher nicht
gekannter Weise den staatlichen Sektor zusammen. Er entließ etwa 30 Prozent des
staatlichen Personals und kürzte die öffentlichen Gehälter um etwa 40 Prozent.
Die Mehrwertsteuer wurde von 18 auf 21 Prozent angehoben. Die Regierung schloss
Schulen und über die Hälfte der Krankenhäuser des Landes.
Jetzt zeitigt die lettische Volkswirtschaft wieder
Wachstumsraten – allerdings noch Jahre vom Vorkrisenniveau entfernt – und schon
wird Lettland von Frau Lagarde zum Modell für Austeritätskuren in Europa
gekürt. Das, was sie „Achievements“, also Erfolge nennt, gleicht allerdings
eher einer irreversiblen Amputation des lettischen Volkskörpers. Zehn Prozent
der arbeitsfähigen Bevölkerung haben das Land seit 2008 verlassen, darunter
viele Fachkräfte, wie Ärzte und Krankenschwestern – mehr als ein Viertel der
Arbeitskräfte in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahre. Wenn sich die
Noch-Arbeitenden mit einem Hungerlohn abfinden müssen – ein Drittel der Letten
verdient nur das Mindestgehalt von 287 Euro – wenn hunderttausende ohne Job
dastehen und nach kurzer Zeit auch ohne Arbeitslosengeld und nicht einmal mehr
etwas zu essen haben, dann bleibt zwangsläufig nur noch die Option
Auswanderung.
Kein Wunder also, dass die Bevölkerung Lettlands
jedenfalls die Sicht von der „Erfolgsstory“ nicht teilt. In einer Umfrage der
Agentur TNS Latvija Mitt vergangenen Jahres stimmten nur zwei Prozent der
Befragten zu, dass die Krise überwunden sei. 79 Prozent der ökonomisch aktiven
Bevölkerung (im Alter zwischen 18 und 55 Jahren) verneinten dies.
Szenenwechsel. Anfang Februar 2013 trifft in Berlin Frau Merkel den spanischen Ministerpräsidenten Rajoy zu den 24. Deutsch-Spanischen Regierungskonsultationen.
Sie spricht von “großer Hochachtung” und “Bewunderung” für die “Reformen, die
in Spanien auf den Weg gebracht wurden” und äußert ihre Überzeugung, “dass die
Reformen ihre Wirkung zeigen werden”.
Die sogenannten “Reformen” manifestierten sich in zwei
Mehrwertsteuererhöhungen, die erste Erhöhung zum 1. Juli 2010 von 16% auf 18%
und die zweite zum 1. September 2012 von 18% auf 21%, in
diversen Erhöhungen administrativer Preise und in einer Austeritätspolitik
die sich auf Ausgabenkürzungen im öffentlichen Sektor, Kürzungen von
Sozialleistungen u.a. bei Arbeitslosengeld und bei Langzeitarbeitslosen, bei
Bildung und Gesundheit, auf die Abwertung nach innen, primär über Lohnkürzungen
und Arbeitszeitverlängerung im öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft
konzentrierten.
Nun weiß natürlich niemand, welche Wirkungen sich die
Bundeskanzlerin von den Reformen in Spanien letzten Endes erwartet. Anzunehmen
ist jedoch, dass diese von der aktuellen Faktenlage weit, unwirklich weit
entfernt sein dürften:
Die Erfolge der “Reformen” erschöpfen sich im
prozyklischen Befeuern der Rezession, in
einem schrumpfenden Konsum, schrumpfenden Investitionen
und schrumpfender Produktion und generieren dabei auch kräftig
schrumpfende Einkommen. Einzig der Außenbeitrag (Exporte-Importe) hat sich
verbessert, dieser kann aber die anderen negativen Effekte in der
volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht ansatzweise kompensieren. Dies zeigt
klar die Verwendungsrechnung des BIP = privater + staatlicher Konsum +
Bruttoinvestitionen + Außenbeitrag (Exporte – Importe).
Volkswirtschaftlich gesehen wird folgendes deutlich: Der
Versuch, das Staatsdefizit durch eine Senkung der Staatsausgaben zu verringern,
ist ein Fehlschlag, weil infolge der gesunkenen Staatsausgaben die privaten
Sektoren zur Erhaltung ihrer Einnahmenüberschüsse zur Geldvermögensbildung
(Sparen) ihre Ausgaben so stark einschränken, dass die Staatseinnahmen
ebenfalls sinken, und zwar so stark, dass das Defizit nicht sinkt, sondern sogar
noch steigt. Der starrsinnige Versuch, in einer deflationären
Depression ohne Rücksicht auf die Konjunktur das Staatsdefizit zu verringern, muss
(bei fehlenden Außenhandelsüberschüssen und einer sehr ungleichen Verteilung
der Einkommen) zu einer Verringerung der gesamten Produktion und Einkommen der
Ökonomie führen.
Austerity Economics Doesn’t Work. Das wissen inzwischen
(fast) alle Ökonomen in der Welt, auch der Chefökonom von Frau Lagardes IWF. Umso
mehr verwundert es, mit welcher Beharrlichkeit die Schwestern im Geiste an ihrer
Wahrnehmung der Realität festhalten und den eingeschlagenen Sparkurs
unbeeindruckt fortsetzen. Man mag es an dieser Stelle bedauern, dass beide
keine volkswirtschaftliche Ausbildung genossen haben. Dieses Manko hatten auch
schon andere namhafte Politiker vor ihnen, wie etwa Konrad Adenauer. Immerhin
hatte der noch das Format, zu seinen Fehleinschätzungen zu stehen, und zwar rechtzeitig: „Was ich mal
jesacht habe, hat jar nichts zu sagen. Und wenn ich das so jesacht haben
sollte, denn doch nur, um den Jechner zu teuschen.“

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